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All together now: Fujiya – Miyagi, Fujiya, Miyagi…

I‘m sure you know those gigs that you put in your calendar, thinking „might go… sounds good… everyone’s talking about them…“ while knowing that you probably won‘t go anyway. Searching the gig listings for Manchester a while ago I came across Fujiya&Miyagi, and, mumbling an indifferent „why not“ put it in my calendar, in green, for gigs. Didn‘t think I‘d ever get my arse off the sofa for that. I like their music, it’s great for… well, anything… but it never left me standing absolutely excited and delighted.

And now, guess what: I‘ve just come back from one of the best gigs in 2009 so far – Fujiya&Miyagi. That’s what live gigs were invented for – giving good music the right amount of edges, roughness and alcohol to make it sound amazing, given you‘ve got a drummer who seems to genuinely enjoy bashing the hell out of his drums.

They‘re touring all across Europe in the next few weeks, so make sure you put on your dancing shoes when they play anywhere near you (well, that means, you put on the shoes and then go to the gig, not just dance in your bedroom).

PLUS: We got singer David to do a 5 questions interview with us, which will be printed in the next issue of b&n. Hint: We‘re talking about Beyoncé and Singapore. Yeah, right.

Mama, Papa, wo wart ihr damals?

Das ist so eine Frage, die muss man seinen Eltern irgendwann mal stellen. Nein, ich meine keine Kriegsbeteiligung 45, ich meine noch nicht mal das Abhängen in irgendwelchen Kommunen 68. Ich will wissen, ob meine werten Herren Erzeuger, stolze Eltern eines Indie-Kindes, damals, als sie so alt waren wie ich jetzt also Ende der siebziger, Anfang der achtziger, all die schöne Musik mitbekommen haben, die es da gab. Joy Division, Hacienda, Young Marble Giants. Weil, witzig, haha, die Young Marble Giants haben sich für ein paar spezielle Gelegenheiten wiedervereinigt und sind heute Abend zu sehen. Das letzte Mal in Berlin gespielt haben sie 1980. Aber, war es damals unnerdigen Menschen wie meinen Eltern überhaupt möglich, von denen was mitzubekommen? Internet gab’s nicht, Cd’s gab’s nicht, Boulevardpresse, die Musiker weltumfassend zerreist, gab’s auch nicht. Und in Ö3 lief so was vermutlich auch nicht. Aber das sie von dem, was für uns heute (zugebener maßen in einem sehr kleinen teil der Gesellschaft) als so wichtig herausgestellt wird, so gar nichts mitbekommen haben sollen, noch nicht mal Songs beim Vorspielen zu erkennen glauben, das erschüttert mich schon ein bisschen. Nun ja, so ist es eben an mir gelegen, das nachzuholen, was sie unwissentlich versäumten.

Zwar kenne ich die Band auch nur seit sehr kurzem, habe mir quasi auf einen Hinweis auf das Konzert hin erst das einzige Album der Band angehört. Doch vielen im Saal geht es nicht anders. Auf eine Frage der Band hin, ob jemand der Anwesenden damals schon dabei gewesen wäre, antwortet niemand. Und dabei sind manche durchaus alt genug, und es handelt sich ja hier auch um Leute, die sich mit Musik auskennen, denn das ganze läuft ja im Rahmen eines Indie-Diskussions-Forums.
Aber das bringt uns nicht um unsere Begeisterung. Es ist schon seltsam, wenn man sonst junge Hüpfer auf der Bühne gewöhnt ist, und nun stehen da Menschen, absolut unspektakulär gekleidet, etwas verdattert, mit grauen Haaren und altersgemäßer Ruhe, die Falten mit Würde tragend. Am Sound hat sich jedenfalls nichts verändert, das Album ist auch jetzt noch eine unglaubliche Aneinanderreihung von Hits, und jeder im Publikum hat sein ganz eigenes Juwel, was er jauchzend kund tut. Alison Stattons Stimme hat sich kaum geändert, verglichen mit den Aufnahmen, immer noch glockenhell, und der Bassist ist sowieso ein cooler Hund. So spielen sie ihre Lieder, und wir haben ein Grinsen wie achtjährige bei der Bescherung im Gesicht hängen bis die Bäckchen wehtun. Doch nein, es ist viel zu schnell vorbei, und nach euphorischen Applaus kommen sie freudig verschämt noch mal auf die Bühne. Das Problem ist halt, erklärt Mastermind Philip Moxham, damals, man kam aus Cardiff, und damals kam wirklich nichts aus Wales, und sie dachten sich damals eben, wenn sie es schaffen, eine Stunde mit guten Songs zu machen und damit raus zu kommen, dann wäre das schon mehr als man eigentlich erhoffen dürfte. Noch immer scheinen sie sich über ihre Beliebtheit zu wundern, und ihre Bescheidenheit steht ihnen gut. Doch weil das Publikum so lieb klatscht, spielen sie Ihre Songs eben noch mal, und ich muss sagen, bei den meisten Bands wäre das ein grund raus zugehen, aber hier, hier bleiben wir und freuen uns um so mehr, wegen mir hätten sie das ganze Album noch mal spielen können. Aber andererseits, es ist auch gut aufzuhören wenn’s grad am schönsten ist, sei das jetzt als Konzert oder als Band an sich. Wir sind hier ja nicht bei den Stones.

Flussperlen

Meine schönsten Konzerte reihe ich auf wie Perlen an einer Perlenkette. Gestern tauchte ich in den Berliner Gewässern, fand eine Muschel nahe dem Flussufer, außenrum eher hässlich, zuerst sah ich nur Algen und Schlamm, doch als ich sie öffnete, oh welche Freude, eine Perle!

Die Muschel, das war die Maria. Die Algen und der Schlamm, das war die Vorband, An Experiment On A Bird In The Air Pump, und das eher schläfrige Publikum. Zur Vorband nur so viel: drei fette Asiatinnen im Einheitslook, artyfarty…boring. Aber bestimmt bald total gehyped, die Gründe dafür liegen mir fern.

Doch dann, nachdem ich etwas aufgeregt vor mich rumhoppelte, so gar nicht angesteckt von der Konzertphlegmatik der Berliner (schon das dritte die Woche…) standen sie da: Why?. Wegen Kopfverletzungen waren die früheren Konzerte, zu denen ich gehen wollte, abgesagt worden (und diesmal war ausnahmsweise nicht ich es, die sich verletzt hatte), und nun ist es schon November, sie haben eine lange Zeit des Tourens hinter sich, aber anmerken lassen sie es sich nicht. Auch die Anordnung ist schon mal interessant: das Drumset vorne, der Drummer auch gleichzeitig Glockenspieler, der Sänger mit noch mehr Drums, und hinten, wo gar kein Licht mehr ist, ganz versteckt der Bassist. (Ein schöner Moment, als der Drummer den Bass nimmt, und der Bassist zur Gitarre wechselt, aber dem schon am Bass hängenden Drummer noch kurz die Mechanik dreht…)
Die Stücke, langsamer als erwartet, reißen doch von Anfang an mit. Es ist nichts bombastisches dabei, zum totalen Ausflippen, aber das macht nichts, es ist schön, wie gleichmäßig gelassen sie einen Song schöner als den anderen vorbringen. Bei „The Hollows“ freuen sich die Berliner naturgemäß ein wenig mehr, schließlich beweist ihnen der Song mal wieder, wie toll gefährlich ihre Stadt doch ist…aber zurückstecken müssen die anderen Lieder nicht. War es gut? Es war gut. Oder, wie der Junge neben mir bemerkt: Wenn ich ein Mädchen wär, ich würd sofort mit denen allen ins Bett steigen, einfach, weil sie so gut sind.
Eine neue Perle für meine Kette…

Die Idee ist im Effekt…schwitzen!

In die Schlange rein, meine Damen und Herren, sie haben noch Bier? Gehen sie auf Start und kassieren sie einen Vollrausch. Zurück in der Schlange, Flaschen geleert, strategischer Zug zur Umnebelung der Sinne zum Ausschalten des innerbetrieblichen Nörgeltriebes, aber andererseits, so schlimm ist es auch nicht, denn wann kommt man sonst schon zum reden über die Welt im allgemeinen und independenten? Und doch, man möchte schon: nicht ironisch lachen müssen über die jungen und jung gebliebenen Dreadlockhütchenskinnyjeansträger. Aber, Hype ist nun mal Hype. Lass dass Niveau aus dem Spiel. Und dann auch noch „Ja, also, wir brauchen eine Vorband zu Vampire Weekend, und die machen ja dieses total aufregende neue Ding mit den afrikanischen Rhythmen, also, hey, klar, stellen wir davor ne weiße Ethno-Band mit, genau, „afrikanischen“ Musik auf die Bühne und dann kommt das ganz supi abgestimmt an!“ Naja, gezieltes Vorband-Verpassen hat ja auch was.
Doch, es hört auf, und es fängt an. Kommen sie näher ran, Berlin, you are a great city, aber na ja, es hakt etwas, es will nicht so recht losstarten mit der Rakete ab ins Weltall, aber, Ladehemmung, Fehlstart, nächster Versuch, Hubble geht auch wieder, zum Schluss die Aussichten rosig, es ist schon fast ein bisschen mehr als wippen mit den Füßen, aber reichen tut es nicht, und dabei, es hätte so schön mit WUMMS sein können, mit wilden Hüftgeschaukel, die Arme in die Luft, und meinetwegen auch die Menge hüpfend, sie können sich ja ihre eigenen Zähne ausschlagen. Sie wollen, das wir sie nicht hassen, weil jedes Land seine Dummen hat, und sie ja sowieso für Obama, und deswegen können sie durchaus bejubelt werden. Wär mir auch egal, und wenn sie dunkelgrün wählen und tote Tiere doof finden, gebt mir Schwung! Doch, auch schön, wenn’s nicht so abgeht mit mir, wie es könnte, die Mitmenschen mögen es und rammen einem fröhlich Ellebogen in den Rücken und schwitzen ganz ohne Scham. Ich schaue ohne Scham, das ist auch geruchsneutraler. In die Menge schauen als Zeitvertreib und Ein-Mann Volksbelehrung, ich frage mich: Ist Luft ausgeatmet durch Rote Lippenstift-Lippen wärmer als Luft ausgeatmet durch normale Lippen?

Schuhu-uhu-shushu

Kritik aus der Tram, gekritzelt auf BVG-Fahrkarten und mit Bier bespritzt, dann gut zusammengeknäult und heut wieder ausgekramt: (oder auch Women as Lovers, vor dem Konzert):
Über den Wellen, mal leis, mal laut, stürmisch und irr und ruhig und heimtückisch beschwörend umzüngelt von Seeschlangen besungen von den traurigen Stimmen der anderen Verdorbenen, umschlungen, in die Düsternis gezogen, wo es kreischt und schrillt, und lieblich schallt; von Luftblasen umschmeichelt wieder empor getragen vom Schwall der Trompeten des Chores und erneut in die lustvolle Qual gestürzt. Es wird schön werden.

Kritik am Schreibtisch, später: (oder auch Xiu Xiu, live, gestern): Jetzt, wo ich weiß, wie sie aussehen, wie sie sich strecken und winden und im Krampf wild zuckend sich in die Instrumente hineinbohren, rasend schnell und quälend langsam, und ruhig, ruhig, ganz ruhig, bin ich sprachlos. Schön wars, Eule.