Beiträge von cleo

Innen und Außen

Meine Visage ist schief. Mein eines Ohr ist hängt tiefer als mein anderes Ohr am Schädel. Dadurch rutscht die Brille immer halbseitig hinab. Nach dem Strunkschen Leitsatz „schiefe Visage macht schiefe Gedanken“ gehen mir demzufolge auch nur schräge, leicht abschüssige und in der Mitte durchhängende Gedanken durch den Kopf. Für den Aussenmenschen – also all die Mitbürger, die nicht in mir drin leben – habe ich so vermutlich einen leicht dämlichen Gesichtsausdruck, entsprechend spricht man mit mir auch immer etwas herablassend, etwa wie mit einer Ente. Für den Innenmenschen hingegen, also all jene Zeitgenossen die sich in meinem Inneren tümmeln, und das können je nach Tagesform bis zu zehn Geschöpfe sein, ist die Schiefheit meiner Visage nur insofern von Bedeutung, als das eine schiefe Brille natürlich auch des Optikers Schleifkunstfertigkeit zunichte macht und man von meinen Augen immer etwas verschwommen nach draußen blickt. Mir wurde aber gesagt, das ich trotzdem einen sehr schönen Ausblick habe. Es ist ja immer so: Es ist besser, in dem häßlichen Haus zu wohnen und das schöne Haus anzuschauen als andersherum. Mich persönlich stört die Schiefheit meines Fundaments nur selten, aber ich dachte, ich warn euch mal vor.

Hol die Brüste raus!

Es gibt so ein paar Dinge, die wollte man schon immer mal machen, kommt aber nie dazu. Die Nutten von Blackjack machen es gern stellvertretend für euch. Damit ihr wisst, wie das ist. Ohne euch selber zu blamieren. Dafür sind wir doch da. Heute: BHs werfen.

Elvis. Oder der junge Tom Jones. Da hat man so was gemacht. Damals kreischten die Mädchen hysterisch und warfen BHs und Höschen auf die Bühne. Heute ist das nicht mehr so. Vor ein paar Jahren las ich, Tom Jones beklage sich, weil ihm nur noch neue abgepackte BHs zugeworfen würden. Insgesamt sind wir also braver geworden. Befreit wurden wir, und jetzt behalten wir die Möpse drin. Sind ja keine Hippies. Aber manchmal, da ist eine Band schon echt gut. Und geil. Und man würde schon gern, eigentlich. Weil der Moment grad so gut passt. Sich die Kleider vom Leib reißen und den Sänger anspringen. Jedoch – die Hemmungen sind zu groß. Man lässt es sein und denkt sich dann den ganzen Abend noch, Mann, wär das cool gewesen, so eine Aktion. Wäre.

Ich hab es getan. Endlich. Gestern. Der BH war von einem Geburtstagsgutschein von meinem Boss. Ich hatte also nichts zu verlieren. So ein Ding kostet ja nen Zwanni, das wissen Jungs nicht. Was altes verranztes will man aber auch nicht werfen. Zudem ist meine Wurfreichweite nicht sehr groß, Bälle kann ich vielleicht zehn Meter weit schleudern. BHs lassen sich sowieso schlecht werfen. Aber gestern, wie gesagt, hat alles gestimmt. Erste Reihe, gut angeschäkert von süßem Wein, die Stimmung war gut. Etwas halbherzig war es schon: Mein T-Shirt ließ ich an.
Der Sänger, der war eher baff. Hat ihn sich auf den Rücken geschnallt. Und ihn mir nach einem Song wieder zurückgegeben. Das Gefühl danach: War cool. Aber auch nicht sooo aufregend, wie man es sich früher immer vorgestellt hat.

So ist das also.

Yeah Baby, I can feel it! – Ich bin Teil einer Jugendbewegung!

Es gibt so Momente, da wächst das kalte unmenschliche Berlin zusammen und fällt sich freudestrunken in die fremden Arme – zugegebenermaßen eben auch betrunken. Dann lächeln sich alle an, und im Geiste ist man verbunden durch ein Geheimnis und das sichere Gewissen, bei was dabei zusein, was irgendwie bedeutend ist.
So war das gestern. Wavves spielten im West Germany. Der Club ist mir sowieso schon ans Herz gewachsen, gute Konzerte treffen hier auf interessante Menschen, wie der Medienmacher sagen würde, oder einfach: Alda, was für schräge Leudde, und die Musik – voll geil Aldaaa. Früher war das Ding wohl mal eine Arztpraxis oder ein Kulturverein oder ein Sachbearbeiterbüro, jetzt zerfällt der Ort, je tiefer man reingeht. Und je tiefer man reingeht, desto mehr lässt man auch was vom Alltag hinter sich, irgendwie. Na ja. Das ist auch alles mehr so gefühltes Blabla und ich kanns nicht beweisen. Jedenfalls: Wavves. Zwei so Typen, noch mit Babyspeck, aber auch mit ganz schön viel Wwrummms und Antrieb und Glücksbärchis-Momenten. Oder aber. Ich bin einfach nur betrunken. Aber wir freuen uns und tanzen irgendwie so komisch, Punk ist das noch nicht, dafür ist es zu melodisch, aber was anderes ist es auch nicht. Da will sich niemand festlegen, selbst die Schubladenschreiber nicht. Zwischendrin ruhige Stücke, vom heimkommen und umarmt werden wollen, kennt ja jeder. Auch gut. Dann wieder: Randale und wirres Körper-Gezucke. Dann: Aus. Wir: Nö, wir wollen weiter. Die so: Wir haben unseren Drumstick verloren. Na ja, reißen wir mal ne Deckenstrebe von der Wand. Dann doch noch: Drumsticks. Zwei schnelle Lieder. Glück! Aus.

Schöne neue Welt

Das Herz bei diesem Scheißwetter wärmen. Heiße Schokolade trinken. Dazu ein wenig mit dem überschlagenen Fuß wippen und sich wegträumen…oder sich einfach dran erfreuen, das es hier wahrscheinlich nicht ganz so eklig ist wie in Island grad. Besser gehen tuts uns schon. Sin Fang Bous, also der Frontmann von Seabear, hat mit Clangour die Kissen der Kuschelecke aufgeschüttelt. Sanft und zurückhaltend, aber eben auch mit verschrobenen Gefiepe und Geknarze, dass das Album eben nicht zu einem kitschigen seichten Unding verkommen lassen, sondern durch Sindri Mar Sigfussons Experimentierfreudigkeit zu einem interessantem aber trotzdem anhörbaren Werk abrundet. Es mag manchen zu seicht sein, anderen wiederum zu unstrukturiert, aber andererseits sind die Gedanken an sich zur Zeit auch eher tagträumerisch angelegt. Im Land der kunterbunten Dinge, das ein wenig an den Tausend-Wunder-Wald in „Jim Knopf und die wilde Dreizehn“ erinnert. Keine Neonfarben, aber auch kein Bon-Bon-Pastell. Es ist also: ein Album für faule Sonntagnachmittage.

Mama, Papa, wo wart ihr damals?

Das ist so eine Frage, die muss man seinen Eltern irgendwann mal stellen. Nein, ich meine keine Kriegsbeteiligung 45, ich meine noch nicht mal das Abhängen in irgendwelchen Kommunen 68. Ich will wissen, ob meine werten Herren Erzeuger, stolze Eltern eines Indie-Kindes, damals, als sie so alt waren wie ich jetzt also Ende der siebziger, Anfang der achtziger, all die schöne Musik mitbekommen haben, die es da gab. Joy Division, Hacienda, Young Marble Giants. Weil, witzig, haha, die Young Marble Giants haben sich für ein paar spezielle Gelegenheiten wiedervereinigt und sind heute Abend zu sehen. Das letzte Mal in Berlin gespielt haben sie 1980. Aber, war es damals unnerdigen Menschen wie meinen Eltern überhaupt möglich, von denen was mitzubekommen? Internet gab’s nicht, Cd’s gab’s nicht, Boulevardpresse, die Musiker weltumfassend zerreist, gab’s auch nicht. Und in Ö3 lief so was vermutlich auch nicht. Aber das sie von dem, was für uns heute (zugebener maßen in einem sehr kleinen teil der Gesellschaft) als so wichtig herausgestellt wird, so gar nichts mitbekommen haben sollen, noch nicht mal Songs beim Vorspielen zu erkennen glauben, das erschüttert mich schon ein bisschen. Nun ja, so ist es eben an mir gelegen, das nachzuholen, was sie unwissentlich versäumten.

Zwar kenne ich die Band auch nur seit sehr kurzem, habe mir quasi auf einen Hinweis auf das Konzert hin erst das einzige Album der Band angehört. Doch vielen im Saal geht es nicht anders. Auf eine Frage der Band hin, ob jemand der Anwesenden damals schon dabei gewesen wäre, antwortet niemand. Und dabei sind manche durchaus alt genug, und es handelt sich ja hier auch um Leute, die sich mit Musik auskennen, denn das ganze läuft ja im Rahmen eines Indie-Diskussions-Forums.
Aber das bringt uns nicht um unsere Begeisterung. Es ist schon seltsam, wenn man sonst junge Hüpfer auf der Bühne gewöhnt ist, und nun stehen da Menschen, absolut unspektakulär gekleidet, etwas verdattert, mit grauen Haaren und altersgemäßer Ruhe, die Falten mit Würde tragend. Am Sound hat sich jedenfalls nichts verändert, das Album ist auch jetzt noch eine unglaubliche Aneinanderreihung von Hits, und jeder im Publikum hat sein ganz eigenes Juwel, was er jauchzend kund tut. Alison Stattons Stimme hat sich kaum geändert, verglichen mit den Aufnahmen, immer noch glockenhell, und der Bassist ist sowieso ein cooler Hund. So spielen sie ihre Lieder, und wir haben ein Grinsen wie achtjährige bei der Bescherung im Gesicht hängen bis die Bäckchen wehtun. Doch nein, es ist viel zu schnell vorbei, und nach euphorischen Applaus kommen sie freudig verschämt noch mal auf die Bühne. Das Problem ist halt, erklärt Mastermind Philip Moxham, damals, man kam aus Cardiff, und damals kam wirklich nichts aus Wales, und sie dachten sich damals eben, wenn sie es schaffen, eine Stunde mit guten Songs zu machen und damit raus zu kommen, dann wäre das schon mehr als man eigentlich erhoffen dürfte. Noch immer scheinen sie sich über ihre Beliebtheit zu wundern, und ihre Bescheidenheit steht ihnen gut. Doch weil das Publikum so lieb klatscht, spielen sie Ihre Songs eben noch mal, und ich muss sagen, bei den meisten Bands wäre das ein grund raus zugehen, aber hier, hier bleiben wir und freuen uns um so mehr, wegen mir hätten sie das ganze Album noch mal spielen können. Aber andererseits, es ist auch gut aufzuhören wenn’s grad am schönsten ist, sei das jetzt als Konzert oder als Band an sich. Wir sind hier ja nicht bei den Stones.