Innen und Außen

Meine Visage ist schief. Mein eines Ohr ist hängt tiefer als mein anderes Ohr am Schädel. Dadurch rutscht die Brille immer halbseitig hinab. Nach dem Strunkschen Leitsatz „schiefe Visage macht schiefe Gedanken“ gehen mir demzufolge auch nur schräge, leicht abschüssige und in der Mitte durchhängende Gedanken durch den Kopf. Für den Aussenmenschen – also all die Mitbürger, die nicht in mir drin leben – habe ich so vermutlich einen leicht dämlichen Gesichtsausdruck, entsprechend spricht man mit mir auch immer etwas herablassend, etwa wie mit einer Ente. Für den Innenmenschen hingegen, also all jene Zeitgenossen die sich in meinem Inneren tümmeln, und das können je nach Tagesform bis zu zehn Geschöpfe sein, ist die Schiefheit meiner Visage nur insofern von Bedeutung, als das eine schiefe Brille natürlich auch des Optikers Schleifkunstfertigkeit zunichte macht und man von meinen Augen immer etwas verschwommen nach draußen blickt. Mir wurde aber gesagt, das ich trotzdem einen sehr schönen Ausblick habe. Es ist ja immer so: Es ist besser, in dem häßlichen Haus zu wohnen und das schöne Haus anzuschauen als andersherum. Mich persönlich stört die Schiefheit meines Fundaments nur selten, aber ich dachte, ich warn euch mal vor.


1 Antwort auf „Innen und Außen“


  1. 1 protagonistin 30. März 2009 um 20:13 Uhr

    Danke für die Warnung. Und sag dann mal den Innenmenschen einen schönen Gruss. Ich fand den Text ganz hübsch geschrieben.

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