Mama, Papa, wo wart ihr damals?

Das ist so eine Frage, die muss man seinen Eltern irgendwann mal stellen. Nein, ich meine keine Kriegsbeteiligung 45, ich meine noch nicht mal das Abhängen in irgendwelchen Kommunen 68. Ich will wissen, ob meine werten Herren Erzeuger, stolze Eltern eines Indie-Kindes, damals, als sie so alt waren wie ich jetzt also Ende der siebziger, Anfang der achtziger, all die schöne Musik mitbekommen haben, die es da gab. Joy Division, Hacienda, Young Marble Giants. Weil, witzig, haha, die Young Marble Giants haben sich für ein paar spezielle Gelegenheiten wiedervereinigt und sind heute Abend zu sehen. Das letzte Mal in Berlin gespielt haben sie 1980. Aber, war es damals unnerdigen Menschen wie meinen Eltern überhaupt möglich, von denen was mitzubekommen? Internet gab’s nicht, Cd’s gab’s nicht, Boulevardpresse, die Musiker weltumfassend zerreist, gab’s auch nicht. Und in Ö3 lief so was vermutlich auch nicht. Aber das sie von dem, was für uns heute (zugebener maßen in einem sehr kleinen teil der Gesellschaft) als so wichtig herausgestellt wird, so gar nichts mitbekommen haben sollen, noch nicht mal Songs beim Vorspielen zu erkennen glauben, das erschüttert mich schon ein bisschen. Nun ja, so ist es eben an mir gelegen, das nachzuholen, was sie unwissentlich versäumten.

Zwar kenne ich die Band auch nur seit sehr kurzem, habe mir quasi auf einen Hinweis auf das Konzert hin erst das einzige Album der Band angehört. Doch vielen im Saal geht es nicht anders. Auf eine Frage der Band hin, ob jemand der Anwesenden damals schon dabei gewesen wäre, antwortet niemand. Und dabei sind manche durchaus alt genug, und es handelt sich ja hier auch um Leute, die sich mit Musik auskennen, denn das ganze läuft ja im Rahmen eines Indie-Diskussions-Forums.
Aber das bringt uns nicht um unsere Begeisterung. Es ist schon seltsam, wenn man sonst junge Hüpfer auf der Bühne gewöhnt ist, und nun stehen da Menschen, absolut unspektakulär gekleidet, etwas verdattert, mit grauen Haaren und altersgemäßer Ruhe, die Falten mit Würde tragend. Am Sound hat sich jedenfalls nichts verändert, das Album ist auch jetzt noch eine unglaubliche Aneinanderreihung von Hits, und jeder im Publikum hat sein ganz eigenes Juwel, was er jauchzend kund tut. Alison Stattons Stimme hat sich kaum geändert, verglichen mit den Aufnahmen, immer noch glockenhell, und der Bassist ist sowieso ein cooler Hund. So spielen sie ihre Lieder, und wir haben ein Grinsen wie achtjährige bei der Bescherung im Gesicht hängen bis die Bäckchen wehtun. Doch nein, es ist viel zu schnell vorbei, und nach euphorischen Applaus kommen sie freudig verschämt noch mal auf die Bühne. Das Problem ist halt, erklärt Mastermind Philip Moxham, damals, man kam aus Cardiff, und damals kam wirklich nichts aus Wales, und sie dachten sich damals eben, wenn sie es schaffen, eine Stunde mit guten Songs zu machen und damit raus zu kommen, dann wäre das schon mehr als man eigentlich erhoffen dürfte. Noch immer scheinen sie sich über ihre Beliebtheit zu wundern, und ihre Bescheidenheit steht ihnen gut. Doch weil das Publikum so lieb klatscht, spielen sie Ihre Songs eben noch mal, und ich muss sagen, bei den meisten Bands wäre das ein grund raus zugehen, aber hier, hier bleiben wir und freuen uns um so mehr, wegen mir hätten sie das ganze Album noch mal spielen können. Aber andererseits, es ist auch gut aufzuhören wenn’s grad am schönsten ist, sei das jetzt als Konzert oder als Band an sich. Wir sind hier ja nicht bei den Stones.