Archiv für November 2008

Zeitvertreib

Es kommt ab und zu vor, dass sich Menschen nicht nur zum Saufen und Konzerte gehen treffen, bei Tageslicht, im November. Dann stellt sich die Frage: Was nun?

Ich habe also mal nachgesehen, was man nachmittags so machen könnte. Als Computerkind 2.0 geht das natürlich nicht ohne Internet. Doch bevor man ans Fleisch geht, habe ich als gute Wissenschaftlerin erstmal die Parameter definiert:

Nachmittag:

Der Nachmittag ist die Tageszeit zwischen Mittag und Abend. Beginn und Ende sind nicht definiert […]. Manchmal wird der Nachmittag auch durch andere Worte umschrieben – etwa „wenn die Sonne sinkt“, oder „wenn die Hitze nachlässt“. In Europa verbringen die meisten Menschen den Nachmittag werktags mit der Erledigung notwendiger Dinge. An Sonn- und Feiertagen wird der Nachmittag häufig genutzt, um gemeinsam eine süße Zwischenmahlzeit […] zu sich zu nehmen. (Wikipedia Nachmittag, 20.11.2008, 21:35h)

Mehr erbrachte meine Internetrecherche allerdings nicht. Jedenfalls hab ich auf Anhieb keine Seite gefunden, die mir 20 Optionen gibt, was ich an einem Novembernachmittag tun könnte mit jemand anderem. Da ich aber ein kluges Köpfchen bin, hab ich mal nachgedacht, und flupps, nullo.

Dann meldete sich mein Flupfl (ein Organ der die Hormone des Wahnsinns ausschüttet, neben der Milz angesiedelt) und sagte: Fahr doch einfach mal aufs Blaue zu dem/derjenigen und da geht dann schon was. Für den Notfall nimm aber die Kamera mit, dann könnt ihr immer noch crazy durch Berlin rennen und schwachsinnige Fotostreckenrätselbefragungen für Blackjack machen.

Aber, ich will euch ja nicht leer ausgehen lassen, falls ihr euch auch fragt, was morgen tun, und jetzt bei dem Artikel hofftet, ich gäbe eine Antwort. Tu ich auch. Viel besser noch:

DIE NERDIGE INDIE LISTE ZUM ZEITVERTREIB (im November):

- Plattencover zusammen anschauen, sich dazu die Entstehungsgeschichten erzählen. Wie Märchen!
- Musikvideos nachstellen, mit Verkleiden und so, und dann schön Luftgitarre spielen oder entrückt durch ein luftiges San Francisco laufen.
- Eine Luft-Band aufstellen. Dazu Bandnamen und das Cover der ersten EP ausdenken, und natürlich fiese Gerüchte und schmutzige Stories über eure Band ausdenken.
- Songzitate-Rätsel, Indie-Charts-Rätsel, Welcher-Musiker-macht-welche-Nebenprojekte-Rätsel and so on.
-Listen aufstellen, Listen vergleichen.
- Durch Berlin laufen und Musiker-Domizile ausfindig machen.
-Plattencover mit Gummibärchen nachlegen.
- Eine Musikabspielkapazität mit Lautsprechern nehmen, sich an einen beliebigen Ort stellen, Musik an, tanzen, und sich denken, es wär Sonntag Nachmittag und ihr seid die einzigen Überlebenden einer durchtanzen Nacht der geilsten Party ever. Vielleicht vorher noch mit dem Kopf gegen die Wand rennen, für das Katergefühl.

Naja, alles andere war dann absurd.
Viel Spaß!

Flussperlen

Meine schönsten Konzerte reihe ich auf wie Perlen an einer Perlenkette. Gestern tauchte ich in den Berliner Gewässern, fand eine Muschel nahe dem Flussufer, außenrum eher hässlich, zuerst sah ich nur Algen und Schlamm, doch als ich sie öffnete, oh welche Freude, eine Perle!

Die Muschel, das war die Maria. Die Algen und der Schlamm, das war die Vorband, An Experiment On A Bird In The Air Pump, und das eher schläfrige Publikum. Zur Vorband nur so viel: drei fette Asiatinnen im Einheitslook, artyfarty…boring. Aber bestimmt bald total gehyped, die Gründe dafür liegen mir fern.

Doch dann, nachdem ich etwas aufgeregt vor mich rumhoppelte, so gar nicht angesteckt von der Konzertphlegmatik der Berliner (schon das dritte die Woche…) standen sie da: Why?. Wegen Kopfverletzungen waren die früheren Konzerte, zu denen ich gehen wollte, abgesagt worden (und diesmal war ausnahmsweise nicht ich es, die sich verletzt hatte), und nun ist es schon November, sie haben eine lange Zeit des Tourens hinter sich, aber anmerken lassen sie es sich nicht. Auch die Anordnung ist schon mal interessant: das Drumset vorne, der Drummer auch gleichzeitig Glockenspieler, der Sänger mit noch mehr Drums, und hinten, wo gar kein Licht mehr ist, ganz versteckt der Bassist. (Ein schöner Moment, als der Drummer den Bass nimmt, und der Bassist zur Gitarre wechselt, aber dem schon am Bass hängenden Drummer noch kurz die Mechanik dreht…)
Die Stücke, langsamer als erwartet, reißen doch von Anfang an mit. Es ist nichts bombastisches dabei, zum totalen Ausflippen, aber das macht nichts, es ist schön, wie gleichmäßig gelassen sie einen Song schöner als den anderen vorbringen. Bei „The Hollows“ freuen sich die Berliner naturgemäß ein wenig mehr, schließlich beweist ihnen der Song mal wieder, wie toll gefährlich ihre Stadt doch ist…aber zurückstecken müssen die anderen Lieder nicht. War es gut? Es war gut. Oder, wie der Junge neben mir bemerkt: Wenn ich ein Mädchen wär, ich würd sofort mit denen allen ins Bett steigen, einfach, weil sie so gut sind.
Eine neue Perle für meine Kette…

Die Idee ist im Effekt…schwitzen!

In die Schlange rein, meine Damen und Herren, sie haben noch Bier? Gehen sie auf Start und kassieren sie einen Vollrausch. Zurück in der Schlange, Flaschen geleert, strategischer Zug zur Umnebelung der Sinne zum Ausschalten des innerbetrieblichen Nörgeltriebes, aber andererseits, so schlimm ist es auch nicht, denn wann kommt man sonst schon zum reden über die Welt im allgemeinen und independenten? Und doch, man möchte schon: nicht ironisch lachen müssen über die jungen und jung gebliebenen Dreadlockhütchenskinnyjeansträger. Aber, Hype ist nun mal Hype. Lass dass Niveau aus dem Spiel. Und dann auch noch „Ja, also, wir brauchen eine Vorband zu Vampire Weekend, und die machen ja dieses total aufregende neue Ding mit den afrikanischen Rhythmen, also, hey, klar, stellen wir davor ne weiße Ethno-Band mit, genau, „afrikanischen“ Musik auf die Bühne und dann kommt das ganz supi abgestimmt an!“ Naja, gezieltes Vorband-Verpassen hat ja auch was.
Doch, es hört auf, und es fängt an. Kommen sie näher ran, Berlin, you are a great city, aber na ja, es hakt etwas, es will nicht so recht losstarten mit der Rakete ab ins Weltall, aber, Ladehemmung, Fehlstart, nächster Versuch, Hubble geht auch wieder, zum Schluss die Aussichten rosig, es ist schon fast ein bisschen mehr als wippen mit den Füßen, aber reichen tut es nicht, und dabei, es hätte so schön mit WUMMS sein können, mit wilden Hüftgeschaukel, die Arme in die Luft, und meinetwegen auch die Menge hüpfend, sie können sich ja ihre eigenen Zähne ausschlagen. Sie wollen, das wir sie nicht hassen, weil jedes Land seine Dummen hat, und sie ja sowieso für Obama, und deswegen können sie durchaus bejubelt werden. Wär mir auch egal, und wenn sie dunkelgrün wählen und tote Tiere doof finden, gebt mir Schwung! Doch, auch schön, wenn’s nicht so abgeht mit mir, wie es könnte, die Mitmenschen mögen es und rammen einem fröhlich Ellebogen in den Rücken und schwitzen ganz ohne Scham. Ich schaue ohne Scham, das ist auch geruchsneutraler. In die Menge schauen als Zeitvertreib und Ein-Mann Volksbelehrung, ich frage mich: Ist Luft ausgeatmet durch Rote Lippenstift-Lippen wärmer als Luft ausgeatmet durch normale Lippen?