Archiv für Mai 2008

justice – stress. oder: macht kaputt, was euch kaputt macht?

das b&n team ist ja gern mal ein wenig hintendran, was news angeht, im moment einer mischung aus unistress, umzugsstress, arbeitsstress und planlosigkeit geschuldet. nichtsdestotrotz auch hier meine drei pfennig zu dem viel diskutierten video „stress“ von justice. und wenn ich dir nicht pc genug bin, dann reg dich halt auf. (und als edit: weil der text so fies lang geworden ist, das video gibt es am ende des postings zu sehen!)

falls es jemand noch nicht gesehen hat, in dem unter der regie von romain gavras gedrehten video prügelt und randaliert sich eine gruppe ausländischer (pc: „mit migrationshintergrund“) jugendlicher, die noch jünger aussehen, als es irgendwie vertretbar wäre, durch paris und zerkloppt so ziemlich alles, was sich ihnen in den weg stellt. ohne jegliche auflösung, happy end (der kameramann wird am ende bespuckt und zusammengeschlagen) oder comic relief (spontaner vergleich wäre z.b. smack my bitch up von the prodigy, wo sich der exzessive protagonist am schluss als frau herausstellt) wird hier in beinahe schmerzhaft brutalen grau-grau-schwarzen bildern eine regellose zwischenwelt gezeigt, in der selbst die zwischendurch auftauchenden sicherheitsmänner gegenüber der gruppe minderjähriger völlig hilflos sind. ohne ein einziges lächeln und völlig ironiefrei (abgesehen von einer szene, in der das „d.a.n.c.e“ spielende autoradio kommentarlos zertreten und aus dem fenster geworfen wird) wird die story wie ein dokumentarfilm über die aufstände in den französischen vororten inszeniert.

und jetzt die frage: was will uns der regisseur damit sagen? wer sich das video zu „i believe“ von simian mobile disco ansieht, merkt, dass gavras nur zu gern völlig offensichtlich mit klischees spielt bzw. diese auf den kopf stellt und völlig ad absurdum führt (kinder, jogginganzugträger und faltige rentner in einem völlig zerfallenen – ich tippe mal osteuropäischen!? – dorf kombiniert mit hip hop video-ästhetik, inklusive beat down shot; vgl. the roots – what they do, find ich ja übrigens immer noch super). in kombination mit der von vorneherein eher nicht als 100pro ernstzunehmenden position der band justice (nur zur erinnerung, das album heisst „cross“ und trägt nur ein riesiges kreuz auf dem cover. hat sich die kirche da eigentlich schon beschwert? oder machen die wirklich christlichen techno? steht zumindest auf der myspace-seite) ergibt sich eine relativ schlüssige haltung, was das spiel mit stereotypen, symbolen und regelbrüchen betrifft. spontane stichworte meinerseits: provozieren und verwirrung stiften, aber irgendwie so tun, als sei dahinter noch ein tieferer sinn zu erkennen. kann man doch machen!

und dann die eher langweilige auflösung: justice haben zu „stress“ stellung genommen (hier
gefunden über hier) und heraus kam: überraschend wenig. „verkauf und merch ankurbeln“, „wir hatten nicht vor, tiefgehend über gesellschaftliche probleme zu sprechen“, „c‘mon, es ist doch nur ein musikvideo“. in diesem fall gilt also musikvideo=merchandiseartikel, nicht mehr und nicht weniger. mir hätte es dann doch besser gefallen, wenn die band nicht den schwanz eingezogen und das ganze als sagenwirmal spielerei abgetan hätte – musikvideos sind (und da gehe ich mit meinem vorredner von nerdcore d‘accord im chor) eine von vielen kunstformen, die definitiv auch das potential haben, ernsthafte themen zu behandeln, genau wie musik eben (wohin sonst mit all den politischen bands und songwritern?). vielleicht hätte eine entgegengesetzte behauptung im sinne von „das ist eben kunst“ (oder schlicht: gar kein kommentar) die ganze geschichte für die band in der öffentlichkeit zwar heikler gemacht (von wegen nicht pc, rassistisch, gewaltverherrlichend), in sachen credibility als „artists“ (also künstler in jeglichem sinne) haben sich justice durch diese aussagen jedoch einige punkte verspielt. also doch keine substanz. es hätte so schön werden können…

video hier:

und zuletzt: merchandise-effekt hat schon wieder gewirkt, justice können ein weiteres posting über sich verbuchen.

Klarinettenonkels

Eigentlich halte ich ja nicht allzu viel von Konzerten von sphärischen Bands wie Sigur Ros oder Kante. Denn langsame, ruhige Musik ohne Gesang veranlasst das von mir konsumierte Bier dazu, mich mit seinen teuflischen kleinen Hopfenhänden in den Schlaf zu schaukeln, während von außen die Musik schaukelt, nämlich mich, in den: Schlaf. Die Beine fragen sich, wozu eigentlich stehen, wenn man auch liegen kann, und melden das dem vernebelten Denkzentrum, das dann flux vergisst sich mit de Musik beschäftigen und sich lieber Gedanken über Federbetten und Hartschaummatratzen macht.
Meine Anatomie ist sozusagen voll gegen das Konzept ruhige Musik.
Aber, die Bands sind ja schon gut. Zum Beispiel Gregor Samsa neulich im Kafe Kult in der Sonnenbrillenhauptstadt Deutschlands. Kannte ich vorher nicht, weder das eine noch das andere, aber zumindest eine der beiden, nämlich die Band, hat positiv überrascht. Sie konnte meine Anatomie darüber hinwegsehen lassen, dass ich davor den ganzen Tag in der Sonne saß und Maibock trank, sie ließ mich über das dumme Hippie-Publikum hinwegsehen und sagte: Hey, komm tanz mit mir…aber bitte mehr so innerlich, weil ist ja ruhige Musik was ich bin.
Dann tröteten also die Klarinettenonkel, die Geigenlady geigte, und die Musikinstrumente wurden fröhlich fremd verwendet, z.B. Xylophonspielen mit Geigenbogen. Die Band sah nicht allzu widerwärtig aus, hatte also durchaus Mädchen-Schwärm-Faktor, auch wenn sie vor dem Konzert vermutlich alle eine Überdosis Valium eingenommen hatten, aber man muss ja auch nicht immer wild rum springen.

Das ist jetzt alles ein wenig konfus, aber, Endfazit: Gregor Samsa einen Konzertbesuch abstatten, dalli dalli!